Die Sonne geht über Wiesenkirchen auf – doch für Ella beginnt der Tag in einer heiklen Grauzone zwischen Zufall, Vertrauen und Missverständnissen. Nach dem ausgelassenen Abend in der Gemeinschaftspraxis erwacht sie neben Max – beide noch etwas verkatert, aber unschuldig. Was zwischen ihnen passiert ist? Nichts. Kein Kuss, keine Berührung, kein Versprechen. Nur Freundschaft. Nur Worte in der Dunkelheit. Nur Nähe, wie sie zwei Menschen manchmal teilen, wenn der Abend länger war und das Herz schwer.
Doch in Wiesenkirchen zählt nicht, was wirklich war – sondern was erzählt wird.
Als Feli die beiden am frühen Morgen gemeinsam aus Ellas Zimmer treten sieht, dauert es nur Sekunden, bis sich ein neues Kapitel im Dorftratsch aufschlägt. „Hast du gehört? Ella und Max!“ Die Gerüchteküche kocht. Und niemand ist sicherer Quelle als Feli selbst, die scheinbar zufällig immer zur richtigen Zeit am falschen Ort ist.
Für Ella ist es nur peinlich. Für Max – irgendwie auch. Doch sie nehmen es mit Humor. Dachten sie zumindest.
Denn einer leidet still und unerwartet: Chris.
Chris hatte sich den Tag anders vorgestellt. Lange hatte er gezögert, gehadert, sich selbst infrage gestellt. Doch heute wollte er mutig sein. Heute wollte er Ella sagen, was er fühlt. Wie sehr sie ihm bedeutet. Wie lange er schon jede ihrer Bewegungen mit einem besonderen Blick verfolgt. Doch das Schicksal schlägt schneller zu, als er denken kann. Noch bevor er auch nur einen Schritt auf Ella zugehen kann, hört er das Getuschel, das Kichern, die halblauten Stimmen hinterm Tresen der Praxis: „Sie war mit Max im Bett…“
Für Chris bricht etwas zusammen.
Er zieht sich zurück. Die Worte, die er vorbereitet hatte, versickern. Der Mut, den er gesammelt hatte, verpufft. Plötzlich ist da wieder diese Mauer aus Zweifel, Schmerz und Stolz. Hat er sich alles nur eingebildet? War seine Nähe zu Ella einseitig? Hat Max, der unkomplizierte, charmante Bergretter, ihn längst überholt – ohne es zu wissen?
Ella merkt schnell, dass sich etwas verändert hat. Chris wirkt distanziert, vermeidet Blickkontakt, ist kurz angebunden. Erst denkt sie, es liege am Stress. Doch dann wird ihr klar: Auch er hat von dem Gerücht gehört. Und offenbar glaubt er daran. Das verletzt. Nicht, weil sie sich rechtfertigen müsste – sondern weil sie sich mehr von ihm erwartet hatte.
Zwischen Ella und Chris liegt nun ein unsichtbarer Graben. Kein Streit. Keine Worte. Nur Schweigen.
Und wieder ist es ein Missverständnis, das droht, zwei Menschen auseinanderzutreiben, die sich eigentlich näher waren als je zuvor.
Während Feli genüsslich beobachtet, wie ihr Gerücht seine Wirkung entfaltet, beginnt Ella nachzudenken. Will sie weiter schweigen – oder ist es an der Zeit, endlich die Wahrheit zu sagen? Nicht nur über die Nacht mit Max, sondern auch über das, was sie für Chris empfindet.